Es gibt keinen Arbeitsplatz in der Zukunft!

Mobile Home Office

Falk Hedemann ruft im CeBIT zur „Blogparade zum Arbeitsplatz der Zukunft“ auf. Ich rufe ihm zu: „Es gibt keinen Arbeitsplatz der Zukunft!“. Ein subjektiver Beitrag zur Blogparade.

Falk ist an Erfahrungen zum Thema Home Office interessiert und will wissen, wie die Teilnehmer der Blogparade den Arbeitsplatz der Zukunft sehen:

Wir möchten gerne eure Erfahrungen zum Thema Home Office lesen und starten daher eine Blogparade zum Thema „Arbeitsplatz der Zukunft“. Wer von euch arbeitet vollständig oder auch teilweise von Zuhause? Welche mobilen Lösungen und Enterprise 2.0-Anwendungen setzt ihr dafür ein? Wie habt ihr euren Arbeitgeber überzeugt? Was gefällt euch besonders am Home Office? Was sind die Probleme beim entfernten Arbeiten? Wie sieht der Arbeitsplatz der Zukunft für euch aus?

Falk und ich kennen uns von einer gemeinsamen Busfahrt im Jahr 2011. Die Busfahrt dauerte mehrere Tage und führte zum Thema Social Business quer zu verschiedenen Unternehmen in Deutschland. Wir waren ein zusammengewürfelter Haufen von Fachleuten, Bloggern und Journalisten. Wir alle hatten schon damals unseren Arbeitsplatz dabei. Halt: Genau dies ist der Denkfehler. Niemand hatte seinen „Arbeitsplatz“ dabei. Niemand war im Bus oder im Hotelzimmer in einem „Home Office“. Aber jeder hatte eine Büroausstattung dabei, die ihm jederzeit mobiles Arbeiten ermöglichte. Im Bus gab es WLAN, doch schon damals gab es welche, die einen 3G-Router dabei hatten. Es geht zukünftig nicht nur darum, einen oder zwei feste „Arbeitsplätze“ zu haben. Sicherlich gehört ein fester Raum mit einer guten Einrichtung wie Bürostuhl oder Schreibtisch, guten Lichtverhältnissen, genügend Ruhe und Annehmlichkeiten wie einem Kaffeeautomaten dazu. Aber das eigentliche Büro ist mobil und hat keinen „Platz“.

Ich sitze an meinem Bürotisch, öffne an meinem Windowsrechner den Markdown-Editor WriteMonkey, starte meine Zeiterfassung mit Toggl und tippe los. Gelegentlich wechsele ich in den Browser und recherchiere kurz. Wäre es jetzt endlich Frühling, würde ich vielleicht nach einer Pause auf die Terrasse wechseln, die Klappe meines Macbook Airs öffnen und mit dem Markdown-Editor Byword weiter schreiben. Die Lesezeichen im Browser werden automatisch synchronisiert. Vielleicht hätte ich zwischendurch einen Termin in der Stadt. Danach würde ich in der Stadt mein iPad öffnen und dort weiter schreiben und arbeiten. Zwischendurch hätte ich in der Zeiterfassung meine Aufgabe entsprechend pausiert und später fortgesetzt.

Ich bin selbstständiger Berater für Kommunikation und Kollaboration. Ich arbeite auch vollständig zu Hause, mein Büro ist auch vollständig zu Hause, aber grundsätzlich bin ich mobil unterwegs, egal ob im Büro zu Hause, im Büro beim Kunden, auf der eigenen Terrasse, im Park nebenan, im Café in der Stadt oder im Zug.

Zugegeben, das Schreiben eines Artikels ist doch eine – inzwischen – recht triviale Aufgabe für das Büro der Zukunft. Wirklich? Die Aufgabe kam nicht von mir, Björn Negelmann kam auf die Idee mit der Teilnahme an der Blogparade. Wir müssen uns absprechen. Das geschieht in einer Social Business-Lösung (oder ist es eine Social Collaboration-Lösung?). Ich schreibe gerne mit Markdown-Editoren, weil ich mich dann auf die Gedanken und das Schreiben und nicht das Drumherum konzentriere. Irgendwann schiebe ich den Artikel in WordPress. Möglicherweise muss ein Artikel erst freigegeben werden.

Manchmal sind es etwas komplexere Aufgaben. Hangouts planen und vorbereiten, Interviews und Termine koordinieren. Telefonkonferenzen. Planen, Umsetzen, Kontrollieren, Iterieren. Immer noch recht einfach im Vergleich zu Aufgaben, mit denen man mehrere Wochen zusammenarbeitet, zehn oder mehr verschiedene „Tools“ verwendet, eigentlich mitten in einem Miniprojekt oder sogar Teilprojekt ist. Doch die Zukunft ist bereits da. Das gilt auch für komplexere Aufgaben. Das gilt auch für die Zusammenarbeit mit anderen Personen und Unternehmen. Nahezu alle Aufgaben lassen sich online erledigen oder zumindest synchronisiert erledigen.

Wirklich?

Ist die Zukunft wirklich bei allen angekommen? Nein.

Online ist nicht überall

Im Vergleich zu manch anderen Regionen ist Deutschland ein Hochtechnologieland, was die Internetanbindung angeht. Doch im Vergleich zu wieder anderen Regionen ist Deutschland weit hinterher. Ich kann nicht genau einordnen wo „wir“ in Deutschland stehen. Ich bemerke nur durch ganz persönliche Erfahrungen, dass es Optimierungspotential gibt.

Ich wohne zwar auf einem Dorf mit weniger als zweitausend Einwohner aber im Einzugsgebiet des Rhein-Main-Gebietes. Ich habe einen DSL-Vertrag mit 16 MBit/s, doch die Verträge sind flexibel gestaltet. Das bedeutet, dass ich eine Anbindung von bis zu 16 MBit/s habe. Faktisch habe ich weniger als 10 MBit/s. Wenn ich bei 6 MBit/s angekommen sei, solle ich mich noch einmal melden, meinte der Techniker meines Internet Providers.

Auf der Fahrt mit der S-Bahn nach Frankfurt bekomme ich keine stabile 3G-Datenverbindung mit meinem Smartphone. Manchmal bricht sogar die 2G-Verbindung ab. Mitten im Rhein-Main-Gebiet. Auf der Fahrt von Mannheim nach Freiburg versuche ich erst gar nicht mehr, online zu arbeiten. Ich nehme mir gezielt Aufgaben mit, die ich offline erledigen kann.

In anderen Staaten wird die 100 MBit/s-Anbindung für alle angestrebt. Wir hoffen, dass die Verbindung nicht zusammenbricht. Das sind die Probleme, die ich beim entfernten Arbeiten habe.

Wie ergeht es dann erst gerade mittelständischen Unternehmen, die nicht mitten in einer Stadt sondern mit 20 oder 30 Wissensabeitern im tiefen Hunsrück oder in der tiefen Eiffel sitzen? Eben. Solche Unternehmen gibt es kaum, denn sie sind schon lange in den größeren Städten oder Ballungsgebieten.

Kollaboration ist eine gemeinsame Entscheidung

Ich brauchte keine Überzeugungsarbeit bei meinem Arbeitgeber zu leisten. Ich bin selbstständig und kann tun und lassen, was ich will. Falsch.

Ich bin meistens Teil eines Teams, das mindestens aus mir und einem Auftraggeber besteht. Deswegen ist das Zusammenarbeiten auch keine einsame Entscheidung sondern immer auch ein Kompromiss aus Toolumgebung und Kultur. Wenn der Auftraggeber auf – und zwar nur auf – Email setzt, dann ist mein entferntes Büro möglicherweise beim Auftraggeber und nicht bei mir auf der Terrasse. Denn mit Email Dokumente zu bearbeiten und nur mit Email und Telefon zu kommunizieren sind ein Horror. Wenn der Auftraggeber mit der neuesten Social Business- oder Social Collaboration-Lösung arbeitet… dann bedeutet das noch lange nicht, dass ich als Externer das auch darf. Schon gar nicht von „außen“. Die Toolfrage ist immer ein Kompromiss mit dem größten – manchmal auch dem kleinsten – gemeinsamen Nenner.

Und mit je mehr Partner ich zur selben Zeit arbeite, desto umfangreicher kann die Toollandschaft werden. Deswegen jongliere ich beispielsweise heute bei meiner Aufgabenplanung und Kollaboration mit Toodledoo, Asana, Podio, Evernote, Owncloud und Google Apps for Business. Im Übrigen treffe ich kaum eine Unterscheidung, ob meine Partner berufliche oder andere Partner sind.

Doch es ist auch eine Kulturfrage und eine soziale Frage. Kultur ist, wie „man Dinge so macht“. Wenn „man“ als Externer vieles davon nicht weiß, sind Missverständnisse vorprogrammiert. Wenn ich die Person am anderen Skype-Ende nicht persönlich kenne (wenn überhaupt Skypen möglich ist), dann kann ich Ihre Reaktionen nicht einschätzen. Ich kann auch nicht einschätzen, wie ein bestimmter Vorschlag von mir aufgenommen werden wird. Der persönliche Kontakt ist unerlässlich bei Aufgaben, die kurzfristig (d.h. wenige Wochen) zu Ergebnissen führen sollen. Der reine oder primäre Online-Kontakt beim Arbeiten ist durchaus möglich, doch das gegenseitige Einschätzen ist dabei eine gegenseitige Erfahrung, die sehr viel Zeit in Anspruch nimmt.

Björn kenne ich inzwischen seit ein paar Jahren, da fällt die Einschätzung leichter. Doch manchmal ist der Griff zum Telefonhörer effizienter und vor allem effektiver als das Ping-Pong-Spiel mit mehreren elektronischen Nachrichten.

Wie sieht der Arbeitsplatz der Zukunft für mich aus?

Die Geräte und Dienste werden immer mobilfähiger. Die Abhängigkeiten von einem Standort werden weiter abnehmen, auch weil die Kultur in Unternehmen sich wandelt. Ich werde weiterhin an der Ausgewogenheit meiner verschiedenen Sphären wie Arbeit, Projekte, Hobbies, Privatleben „arbeiten“. Aber es gibt keinen Arbeitsplatz der Zukunft. Er ist schon da.

Mein Arbeiten wird weiterhin mobil sein – am Schreibtisch bei mir, am Schreibtisch beim Auftraggeber, im Zug, im Café oder auf der Terrasse. Zum Arbeiten in der Zukunft gehört für mich allerdings die Hoffnung, dass die Schnittstellen universaler werden, damit ich beispielsweise in einer Social Collaboration-Lösung alle meine Aufgaben, Termine und Eingangsfächer habe, obwohl meine Auftraggeber mit ganz anderen Systemen arbeiten.

Dennoch werde ich mich weiter mit Kollegen oder Auftraggebern persönlich treffen. Denn Menschen sind Gespräche. Und ohne beides macht die Arbeit einfach keinen Spaß.

Weil ich jetzt noch ein Foto für den Artikel machen möchte und das mit mehr Technik reizvoller ist, klappe ich jetzt mein Macbook Airs auf, öffne den Markdown-Editor und…

hoffe, dass wir uns auf der CeBIT sehen?

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Frank Hamm
Frank Hamm ist selbstständiger Berater für Kommunikation und Kollaboration. Er berät und unterstütz Unternehmen, Organisationen und Personen bei dem digitalen Wandel. Über seine Themen Enterprise 2.0, Social Business, Social Collaboration, Public Relations, Social Media und Office Productivity bloggt er im INJELEA-Blog.

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